Nation - Europa - Welt

Tagungsbericht / compte rendu d'un colloque

Christof Schöch: "Nation, Europa, Welt: Identitätsentwürfe vom Mittelalter bis 1800. Symposium an der Universität Kassel, 15. bis 17. September 2005", in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte / Cahiers d'Histoire des Littératures Romanes, Heft 1/2, 2006, p. 241-246.

Ausschnitt / extrait

"Nicht selten sind die aktuellen Debatten um Patriotismus, EU-Erweiterung oder Globalisierung von weit zurückreichenden, tradierten Überzeugungen und Vorurteilen geprägt, ohne dass dies immer erkannt würde. Begriffe wie Nation oder Europa dienen in solchen Debatten in zentraler Weise dazu, Gemeinschaften zu benennen und Identität(en) politischer, ethnischer, sprachlicher, literarischer, oder religiöser Art zu entwerfen, aber auch dazu, Werturteile zu treffen und Abgrenzung gegen Fremdes zu betreiben. Diese Begriffe sind demnach nicht nur wertneutralen Ordnungsgrößen, sondern bergen auch erhebliches Konfliktpotential.
Vor diesem Hintergrund fand an der Universität Kassel vom 15. bis 17. September 2005 ein von den Kasseler Geisteswissenschaftlern Ingrid Baumgärtner (mittelalterliche Geschichte), Claudia Brinker-von-der-Heide (germanistische Mediävistik), Andreas Gardt (germanistische Sprachwissenschaft) und Franziska Sick (romanische Literaturwissenschaft) veranstaltetes Symposium mit dem Titel „Nation − Europa − Welt: Identitäts¬entwürfe vom Mittelalter bis 1800“ statt. In ihren einleitenden Worten betonte Claudia Brinker-von-der-Heyde, dass es die Aufgabe der Geisteswissenschaften und Ziel des Symposiums sein müsse, die historische Prägung, den Konstrukt-Charakter und die situative Bestimmtheit der zur Debatte stehenden Begriffe und der mit ihnen verknüpften Überzeugungen reflexiv einzuholen und die gewonnenen Erkenntnisse für aktuelle Debatten fruchtbar zu machen. Der gewählte Untersuchungszeitraum sei dazu in besonderer Weise geeignet, denn einerseits seien erst im Mittelalter die Voraussetzungen dafür gegeben, dass sich die Ideen von Nation, Europa und Welt entwickeln, andererseits markiere der Beginn des 19. Jahrhunderts insofern einen Endpunkt, als mit der Gleichsetzung von Nation und Staat ein ganz neuer Diskurs entstünde.
Entsprechend der Zielsetzung des Symposiums setzte sich ein Reihe von Beiträgen in einer theoretischen oder methodenkritischen Weise mit Definitionsfragen, dem Problem unseres Zugriffes auf Identitätsentwürfe, dem Konstruktcharakter und der Pluralität von Identitäten sowie mit der Rolle des beobachtenden, interpretierenden und seinerseits konstruierenden Wissenschaftlers auseinander. Darauf aufbauend konnten zahlreiche Fallstudien zeigen, wie unterschiedliche Aspekte von Identität vom Mittelalter bis zum Beginn der Moderne auf vielfältige Weise, mit den unterschiedlichsten Zielen und in mannigfaltigen medialen Kontexten konstruiert und dekonstruiert wurden."

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